ROAD TO ROTH #4

Wadenkampf oder Wadenkrampf?

Wie viele von euch bereits mitbekommen haben, bin ich wieder ins Wettkampfgeschehen eingestiegen. Nach sehr langer Verletzungspause bin ich Anfang Mai locker ins Lauftraining eingestiegen. Seither sind die Belastungsreaktionen auf das Training rückläufig. Das heißt, die Achillessehne reagierte anfangs zwar noch auf das Lauftraining, aber dies wurde peu a peu besser, sodass ich mich entschloss, am 26. Mai beim 70.3 Kraichgau über die Mitteldistanz an den Start zu gehen.

Um ehrlich zu sein, waren meine Sorgen und Zweifel noch nie so groß wie vor diesem Rennen. Ich wusste zwar, was ich leisten kann und fühlte mich auch relativ fit, aber noch nicht so, als hätte ich die Verletzung zu 100% überstanden. Hinzu kamen Wadenprobleme in beiden Waden eine Woche vor dem Rennen. Aber was sollte ich machen? Abmelden und Geld zurück war nicht möglich. Also entschied ich mich, hinzufahren und am Wettkampf teilzunehmen, mit dem Wissen, dass die Achillessehne eigentlich noch ein bisschen Zeit bräuchte und die Waden auch nicht wirklich von der Idee begeistert waren. Die Voraussetzungen für solch einen anspruchsvollen Wettkampf wie eine Mitteldistanz waren also nicht wirklich rosig. Trotz der schwierigen Vorbereitung habe ich jedoch nie an meinem Leistungspotential gezweifelt. Die Frage war allerdings, wie viel von dem, was ich zu leisten im Stande bin, konnte ich am Wettkampftag aufgrund der steinigen Vorbereitung abrufen?

Ein Teamkollege hatte mir am Abend vor dem Rennen viel Erfolg gewünscht und meine Antwort lautete: „Ein Finish ohne Schmerzen und davon getragene Verletzung wäre tatsächlich ein sehr großer Erfolg morgen.“ Der Glaube an mehr als nur ein Finish war am Abend vor dem Rennen also noch etwas gedämpft. Doch warum so „pessimistisch“? Dafür muss ich an den Freitag, 2 Tage vor dem Rennen, zurückgehen.

Foto: Thomas Hauser im Auftrag als Fotograf & Betreuer

Mit Zweifel und Sorgen im Gepäck zum Wettkampf

Wie bereits angedeutet, hatte ich in der Woche des Wettkampfes mit Wadenproblemen zu kämpfen. Da ich in der Rennwoche aber nur wenig trainierte, hoffte ich, dass sich die Probleme legen werden. Naja, hat nicht so wirklich geklappt. Nach einem Ruhetag am Donnerstag folgte meine klassische Vorbelastung für das Rennen, die so aussieht, dass ich freitags einen kurzen 6km-Lauf inkl. 1km in Rennpace absolviere und samstags nochmal kurz schwimme und ca. 30min am Wettkampfort Rad fahre. Das Problem: Den Aktivierungslauf am Freitag habe ich nach 1,5km abgebrochen, da ich einen dermaßen stechenden Schmerz in der rechten Wade (oberhalb der bis dato verletzten Achillessehne) gespürt habe, dass ich dachte, dass nicht nur einzelne Fasern, sondern ein ganzes Muskelbündel abgerissen ist. Richtig gutes Gefühl 2 Tage vor dem Wettkampf. Mit schmerzender Wade und großen Zweifeln im Gepäck bin ich also am Samstag ins Kraichgau gefahren und vor Ort von Race Briefing zur Anmeldung und zum Bike Check-in gelaufen, oder vielmehr gehumpelt. Meine Stimmung war entsprechend eher so semi gut. Immerhin klappte die Vorbelastung auf dem Rad und im See ganz ordentlich, sodass zumindest das Radfahren und Schwimmen zu funktionieren schien und ich abends dann doch zuversichtlich war, dass ich wenigstens Schwimmen und Radfahren kann und damit immerhin eine gute Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen haben werde. Der Rest des Samstagabends ist schnell erzählt: Essen, Einchecken im Hotel, Wade massieren, Schlafen.

Erstes DNF oder Zielbüfett?

Wer schonmal verletzt war, kennt sicherlich das Gefühl am Morgen nach dem Aufstehen, wenn man auf den ersten Schritt gespannt ist und hofft, dass über Nacht ein Wunder geschehen ist und man keine Schmerzen mehr hat. Das Wunder blieb leider aus und die Wade war auch morgens noch so verhärtet, dass ich mir sehr sicher war, dass ich bei diesem Wettkampf nur sehr wenige Laufkilometer sammeln werde. „Na gut, dann wenigstens bis zur ersten Verpflegungsstelle auf der Laufstrecke kommen und dort ganz viele, teure Energiegels für das Training einpacken“, dachte ich mir…

Aber kommen wir nun zum Rennen selbst. Das Schwimmen lief gut, auch wenn ich so gut wie gar keine Orientierung im See hatte und eigentlich nur irgendwelchen Füßen hinterher geschwommen bin mit der Hoffnung, dass die Person schon weiß, wo sie hinschwimmt. Auf dem Rad habe ich dann die ersten ca. 50km ein richtig gutes Radrennen absolviert. Quasi nach dem Motto „ich laufe ja eh nicht mehr viel heute“, bin ich richtig hart Rad gefahren. Blöd dabei, dass die Radstrecke auf der Mitteldistanz nun mal 90km lang ist und es demnach nicht ganz so gut ist, wenn die Kraft nach 60km langsam, aber sicher dahingleitet und man sich für die restlichen 30km nur noch so über die Radstrecke schleppt. Naja, in der Wechselzone angekrochen, zog ich meine Laufschuhe an und lief einfach mal los mit dem Gedanken, dass die Waden vermutlich eh nach wenigen Metern zumachen werden oder sich die Achillessehne wieder meldet. Mit diesem Gedanken bzw. vielmehr mit dieser Sorge bestritt ich dann Kilometer um Kilometer. Stets mit der Erwartung, dass mein Rennen gleich vorzeitig vorbei sein wird. Denn die Waden waren hart und vorbelastet und noch paar Stunden vorher bin ich im Hotel die Treppen runtergehumpelt. Wie soll das dann 21,1km lang gut gehen? Aber es ging gut und ich konnte die komplette Distanz in einem sehr kontrollierten Lauftempo absolvieren, wobei ich mich stets ermahnen musste, den Schritt nicht aufgehen zu lassen und anzuziehen, denn jede falsche Bewegung, jeder zu lange Schritt, jedes kleine Stolpern über eine Bodenwelle hätte für mein Rennen das Ende bedeuten können. Sogar bis 1km vor Schluss hatte ich Angst, dass entweder die Wade oder die Achillessehne anfangen werden zu streiken. Aber sie taten es nicht und somit konnte ich mein größtes Ziel für diesen Wettkampf, die Ziellinie zu überqueren, erreichen und das Ergebnis war dann tatsächlich sogar sehr erfreulich und überraschend gut. Die Frage, wie viel von meinem Leistungspotential ich am Wettkampftag abrufen konnte, kann ich wohl mit „ziemlich viel“ beantworten. Was mir wiederum ein gutes Gefühl gibt, denn der Körper scheint jahrelanges Training wohl nicht zu vergessen, auch wenn die Wochen vor dem Wettkampf alles andere als ideal verlaufen.

Was bleibt, ist die überraschende Erkenntnis, dass Wadenkrämpfe wenige Tage vor dem eigentlichen Wettkampf nicht gut sind für das allgemeine Empfinden und Selbstvertrauen. Aber auch, dass Geduld, Disziplin, kontinuierliches Training und ein Ziel vor Augen körperliche und mentale Leistungen hervorrufen können, die man nicht unbedingt für möglich gehalten hat. Ich bin gespannt, wie nun die letzten Trainingswochen vor meinem Langdistanzdebüt in Roth verlaufen werden und werde euch sicherlich nochmal dazu updaten in den kommenden Wochen.

Damit soll es das für heute auch gewesen sein. Fühlt euch frei, mir zu schreiben, wenn ihr Fragen habt, in einer ähnlichen Situation aktuell seid oder auch einfach eure Erfahrungen zu dem Thema mit mir teilen wollt.

In diesem Sinne, macht’s gut und bis zum nächsten Blog,
Euer Luca

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