Dieser Tag bleibt für immer
Am Sonntag, 07.07., war es endlich so weit. Mein sportliches Highlight, auf das ich lange, lange Zeit hingearbeitet habe, stand an. Und eine Sache vorneweg: Dieser Tag wird mir immer in Erinnerung bleiben!
Aber gehen wir für die Geschichte mal noch ein paar Tage zurück. Am Freitag vor dem Rennen ging es mit meinem Vater als Edelbetreuer nach Roth und was mich dort erwartete, war schon sehr krass. Ich wusste ja, dass es sich bei der Veranstaltung um den größten Triathlon weltweit handelte, aber dass alles so groß und extravagant war und es so viele Menschen an dem Wochenende nach Roth ziehen wird, damit hatte ich nicht gerechnet.

Da ich an dem Tag bereits meine Laufvorbelastung absolvierte und nur noch eine kurze Radvorbelastung auf dem Programm hatte, konnte ich den Tag über auf der Expo verbringen, viele bekannte Gesichter wiedersehen und einfach diesen Triathlon Lifestyle aufsaugen, was schon extrem cool war. Also bis dahin war alles tiptop. Am nächsten Morgen, also ein Tag vor dem Wettkampf, absolvierte ich meine Schwimmvorbelastung im Kanal, in dem wir tags drauf auch schwimmen sollten. Das Problem war, dass mich wenige Tage vorher eine Biene in die Nähe des Auges gestochen hatte und die Schwellung um das Auge noch so dick war, dass ich beim Schwimmen nur auf einer Seite wirklich gut sehen konnte. Ich gebe zu, das hat mich einige Nerven gekostet, da ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, wie es sich entwickeln wird. Generell merkte ich an diesem Wettkampfvortag, dass meine Nerven ganz schön angespannt waren. Mittags auf der Expo spürte ich, dass ich wirklich platt war und mich alles drumherum einfach nur erschlagen hatte. Meinen emotionalen Tiefpunkt an dem Tag erlebte ich dann aber, als wir im kilometerlangen Stau zum Bike Check-In standen und ein Gewitter im Anmarsch war, was dafür gesorgt hat, dass ich gerade noch so im Trockenen mein Bike einchecken konnte, dann aber mit hunderten von Menschen Zuflucht unter einer Brücke aufsuchen und mitansehen musste, wie minutenlang starker Regen auf mein Triathlonrad einprasselte. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich einfach nur noch zurück in die Unterkunft, mich hinlegen und schlafen. Zugegeben, ein dünnes Nervenkostüm macht nicht wirklich Spaß, aber ein Stück weit gehört es am Tag vor einem sportlichen Highlight doch auch dazu, oder? Nun ja, der Samstag verging und am Sonntag um 3:30 Uhr begann nun endlich der Tag, auf den ich schon so lange gewartet habe.
Wilde Achterbahnfahrt für Körper und Kopf
Die Vor-Start-Phase ist schnell erzählt. Frühstück, Anreise, finaler Bike-Check, letzte Vorbereitungen, letzter Dixie-Stopp, meine 2 Teamkollegen herzen und ab ins Wasser. Die Schwellung am Auge war glücklicherweise rückläufig, sodass ich wieder auf beiden Augen gut sehen konnte. Um 6:50 Uhr erfolgte dann der Startschuss für ein Rennen voller Höhen und Tiefen.

Das Schwimmen im Kanal war wirklich sehr gut und kontrolliert. Ich hatte zu jedem Zeitpunkt alles im Griff, habe mich hin und wieder mal im Wasserschatten ausgeruht und Lücken geschlossen, wenn ich das Gefühl hatte, dass wir etwas arg rumbummeln. Insgesamt hielt ich mich noch etwas zurück, da ich mir dachte, dass es so gar keinen Sinn macht, in Rennstunde 1 von 9 schon zu viel zu pushen. Nach 55:57 Minuten kam ich aus dem Wasser. Sicherlich wäre es noch etwas schneller gegangen, aber dafür kam ich sehr entspannt raus und freute mich aufs Radfahren. Während die Achterbahnfahrt beim Schwimmen also quasi nur nach oben ging, ging es auch beim Radfahren (mit kleinen Senkungen) weiter nach oben. Das Wetter spielte leider nicht ganz so mit, da es immer wieder regnete, die Straßen dadurch rutschiger wurden und ich peu à peu auskühlte, was sich auf der 2. Radrunde insbesondere muskulär an den Oberschenkeln und im Rücken bemerkbar machte.

Die 1. Runde lief jedoch noch geschmeidig und was ich dann nach ca. 75 Kilometern erlebte, werde ich nie wieder vergessen. Nach einer Rechtskurve fuhren wir auf den berühmten Solarer Berg zu und auf der Strecke sah man in ca. 300m Entfernung nur noch ein riesiges Menschenmeer.

Diese gut drei Minuten waren ein emotionaler Overload vom Allerfeinsten. Ich konnte nur noch Grinsen und als ich durch dieses Menschenmeer durchfuhr, es ohrenbetäubend laut war und mich hunderte von Menschen anfeuerten und schrien, konnte ich mir die ein oder andere Glücksträne nicht mehr verkneifen. Das war wirklich der schönste Sportmoment, den ich bis dato erleben durfte. Blöd nur, dass wir ja erst bei Kilometer 75 von 180 auf der Radstrecke waren. Denn ein paar Kilometer nach diesem emotionalen Highlight, folgte sogleich ein Lowlight, als ich alleine unterwegs war, es wieder stark mit regnen begann und ich die muskuläre Ermüdung dann doch merklich spürte. Gut, dass in genau diesem Moment ein Teamkollege vorbeikam, was mich extrem motivierte, sodass ich mich wieder ein Stück aus diesem Tief herausarbeiten konnte. Dies ging dann bis Kilometer 135 gut, dann musste ich auch ihn ziehen lassen und erlebte mein zweites körperliches und emotionales Tief auf der Radstrecke. Mir half der Gedanke, dass ich bis zu dem Zeitpunkt extrem gut unterwegs war und wusste, dass ich das jetzt einfach nur zu Ende fahren muss, um einen für mich richtig guten Radsplit zu erzielen. Als mich bei Kilometer 166 dann auch noch der zweite Teamkollege überholte, war ich tatsächlich wirklich erleichtert, da ich a) wusste, dass er gut drauf ist und b) wusste, dass ich selbst auf eine super Zeit hinsteuere, da ich insgeheim dachte, dass er mich früher einsammeln würde. So rollte ich also bis zur Wechselzone und freute mich irgendwie darauf, „nur noch“ einen Marathon zu laufen.
Ein Marathon entfernt von Sub9
Laufen ist meine absolute Stärke, das weiß ich. Allerdings war ich körperlich schon ganz schön paniert beim Loslaufen und der untere Rücken war so dermaßen fest, dass ich anfangs mehrmals anhalten musste, um mich zu dehnen. Da dachte ich bereits, dass das heute ein sehr langer Marathon wird. Und dazu kam, dass ich noch nie einen Marathon gelaufen bin, geschweige denn über 30 Kilometer, und ich durch meinen Achillessehnenanriss im März und Problemen bis zuletzt nur sehr wenige Laufkilometer sammeln konnte und tatsächlich in den drei Wochen vor Roth kaum länger als 10-12 Kilometer am Stück gelaufen bin. Deshalb wusste ich zum einen nicht, ob die Achillessehne halten wird und zum anderen erst recht nicht, was ab Kilometer 30 passiert. Der Lauf war dann bis Kilometer 22 richtig, richtig gut. Der Schritt ging auf und die Strecke, kilometerlang gerade aus am Kanal war einfach nur genial. Ich sah meine Familie und Freunde mir zujubeln an der Strecke und fühlte mich richtig gut.

Naja, bis eben Kilometer 22. Danach wurde es merklich schwerer und spätestens ab Kilometer 30 war der Ofen aus und es war ab da ein Mental Game. Der Körper wollte nicht mehr wirklich, der Kopf struggelte und anstatt mich zu pushen, was ich bereits geschafft hatte, war nur im Kopf, wie viel noch zu absolvieren ist. Ich gebe zu, ich hatte zwischen Kilometer 30 und 36 ein paar schwache Momente. Und gleichzeitig wollte ich mich diesen aber nicht hingeben und motivierte mich stets mit dem Gedanken, super unterwegs zu sein, es unbedingt ins Ziel bringen zu wollen und meiner Familie und Freunden im Ziel in die Arme zu fallen. Dies trieb mich an und half mir auch auf den letzten wirklich harten Kilometern.
Wo bin ich? Wer bin ich? Und was mach ich hier eigentlich?
Auf dem letzten Kilometer angekommen, wusste ich, ich werde durchkommen. Nicht nur durchkommen, sondern auch mein großes Leistungsziel von unter 9:00 Stunden ebenfalls deutlich erreichen. Um ein anderes Ziel musste ich da jedoch noch kämpfen. Und das war, den Marathon in unter 3:00 Stunden zu finishen. Als ich in den Zielkanal einbog und auf meiner Uhr eine Zeit von 2:58h sah, war mir klar, dass ich ganz zum Schluss nochmal etwas pushen musste, weshalb ich den Zieleinlauf auch nicht ganz so genießen konnte wie erhofft. Später sagte mir mein Bruder: „Luca, du sahst beim Zieleinlauf so aus, als würdest du dich fragen, wo du bist, wer du bist und was du da eigentlich machst“. Und das trifft es auf den Punkt. Ich wollte einfach nur, dass es vorbei ist und ich mich nicht mehr bewegen muss.

Entsprechend viel mein äußerer Jubel etwas spärlich aus, aber innerlich kannten Freude, Stolz, Erleichterung, und Zufriedenheit im Ziel keine Grenzen. Ich hatte alle meine Ziele erreicht, verletzungsfrei den Marathon durchzustehen, diesen in unter 3:00 Stunden zu finishen (Endzeit: 2:59:18) und mein Langdistanzdebüt in unter 9:00 Stunden ins Ziel zu bringen (Zielzeit: 8:46:59). Dass meine Teamkollegen auch noch dermaßen gut performten, beide starke persönliche Bestleistungen erreichten und wir uns im Ziel gegenseitig empfangen und in die Arme fallen konnten, setzte diesem Wettkampf die Krone auf

All das wäre nicht möglich gewesen, ohne den Support meiner Familie und Freunde. Ich weiß, wie kräftezehrend und anstrengend es ist und dass man einen großen Aufwand betreibt, nur um den Kerl hier und da mal kurz auf der Strecke zu sehen. An dieser Stelle deshalb auch nochmal tausend Dank an alle, die mich an diesem Tage in jeglicher Form unterstützt haben. Sei es anfeuern, Bilder machen, Fahrdienste, Trinkflaschen anreichen, Zeiten durchgeben, motivieren, oder alles zusammen. Lieb euch!

Ein langer Roth Bericht geht nun zu Ende. Respekt für alle, die bis hierhin gelesen haben. Ich hoffe, auch ihr konntet ein wenig für euch selbst herausziehen. Und wenn ich euch dazu angeregt habe, selbst mal eine Langdistanz in Roth zu machen, umso besser.
In diesem Sinne, macht’s gut und bis zum nächsten Blog,
Euer Luca
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