L wie Langdistanz #7

Auf der Suche nach Leichtigkeit

Friede, Freude, Eierkuchen war lange in meiner Vorbereitung auf den Ironman Frankfurt. Aktuell ist harte Arbeit. Die Performance stimmt zwar noch, die Betonung liegt aber auf „noch“. Es wird momentan zunehmend schwerer, die Trainingsstunden und Intensitäten aufrecht zu erhalten, um den gewünschten Fortschritt zu erzielen. Thema dieses Beitrags ist deshalb die Vereinbarkeit von Training, Privatleben und Beruf.

Die Leichtigkeit unter der Sonne Teneriffas im Februar

Freiwillige Belastung

Es wird einem selbst stets gesagt, ich sage es Athlet:innen ebenfalls und doch ist es etwas anderes, wenn man es am eigenen Körper und Geist erfährt. Die Rede ist von der körperlichen wie mentalen Belastung in einer Vorbereitung auf eine Triathlon-Langdistanz. Ab einem gewissen Trainingsvolumen pro Woche wird es einfach zunehmend anstrengender bis unmöglich, allen Lebensbereichen zu 100% gerecht zu werden.

Bevor ich weiter schreibe und du weiter liest, ja ich habe mir das selbst so ausgesucht und mache die ganze Geschichte freiwillig und ja, es macht mir immer noch richtig Freude, meinem Ziel von einem Finish in 9:XX Stunden nachzueifern. Dennoch gehört ein gewisser „Struggle“ vermutlich zu so einer Vorbereitung dazu. Es hilft meiner Meinung nach, statt diesen „Struggle“ bekämpfen zu wollen, ihn lieber zuzulassen und einen guten Umgang damit zu finden.

Zunehmende Ermüdung

Woran es sich bemerkbar macht, dass die Herausforderung größer wird, alle Lebensbereiche unter einen Hut zu bekommen? An der Regeneration! Morgens aufzustehen für einen kurzen Run vor der Arbeit, abends nach der Arbeit noch eine Schwimmeinheit, am Wochenende ein, zwei längere Radausfahrten und dafür die Family weniger sehen – all das fühlt sich zunehmend schwerer an und kostet immer mehr Überwindung.

Noch schaffe ich es, mich zu überwinden und zum Training zu gehen. Auch sind die Zeiten, die am Ende in den Einheiten rumkommen, nach wie vor so, wie sie sein sollen. In meinem letzten Blog (#6 Blog oder Block?) habe ich noch vom kurzfristigen Vorhaben berichtet, den Halbmarathon Freiburg in unter 1:20h laufen zu wollen. Gut möglich, dass das harte Lauftraining in den Folgewochen dazu beigetragen hat, dass die körperliche, wie geistige Ermüdung zunehmend größer wurde.

Freude herrscht

Wohlwissend, dass ein Schnitt von 3:45min/km auf 21km sehr, sehr unrealistisch war, bin ich den Halbmarathon in Freiburg dann mit meinem Kumpel zusammen trotzdem in der Pace angelaufen. Never try, never know! Das hat 6km hervorragend funktioniert, nochmal 2 weitere Kilometer okay, danach war das Laktat dann doch etwas zu hoch. Theoretisch habe ich das so erwartet und entspricht meinem aktuellen Leistungsvermögen. Einen 3:45er Schnitt über einen längeren Zeitraum zu laufen, ist schlichtweg über meinem aktuellen Niveau. Aber das schöne am Sport ist ja, dass man jedes Mal denkt, heute wird es trotzdem reichen! Immer und immer wieder.

Der Rest ist schnell erzählt, ab Kilometer 8 war es dann ein guter Test für den Ironman-Marathon in drei Monaten. Das Ziel war dann nur noch zu „überleben“ und die restlichen 13km irgendwie vernünftig zu Ende zu laufen. Hintenraus konnte ich in den letzten 3 Kilometern die Pace nochmal gut steigern auf einen letzten, wieder stabilen Kilometer von 3:49min. Insgesamt hat es bei warmen Bedingungen zu einer soliden 1:25:48 und zu einem 223. Platz von 8534 Teilnehmenden gereicht.

Mit einem clevereren Pacing wäre sicherlich eine bessere Zeit möglich gewesen. Die Tatsache jedoch, dass ich mich innerhalb des Laufs nochmal erholen konnte, spricht schon mal für eine grundsätzliche sehr gute aerobe Kapazität, auf die es im Ironman am Ende ankommen wird.

Darüber herrscht auch gerade eine ehrliche Freude.

Kilometer 19

Die Frage lautet aber, wie lange kann ich alle Lebensbereiche noch so zusammenhalten, dass ich nach wie vor mit allen Ergebnissen zufrieden bin? Grund genug also, sich der Sache proaktiv anzunehmen und für die Folgemonate Anpassungen vorzunehmen.

Siehe dazu auch den Newsletter von Luca zu flexiblen Zielen:

Flexibles Ziel

In meinem ersten Blog (#1 Schauen wir mal was wird) ging es um meine Zielsetzungen für den Ironman.

Darauf zurückgeblickt, bezieht sich mein aktueller „Struggle“ auf das genannte Prozessziel:

„…stets mit guter Laune und Freude jeden Tag meine Trainingseinheiten zu absolvieren. Um dies zu erreichen, achte ich auf eine vielseitige, gesunde Ernährung, genug Pausen zwischen den Einheiten und einen ausreichenden Schlaf, um Verletzungen aus dem Weg zu gehen…“

Gute Laune und Freude fällt mir gerade schwer, weil ich definitiv anfangen muss, auf Dinge momentan zu Gunsten des Trainings und der Erholung zu verzichten. Ich bin es gewohnt, sehr aktiv durchs Leben zu gehen. Aktuell einfach mal auf der Couch abends liegenzubleiben, anstatt nochmal etwas „Produktives“ zu erledigen oder sich eben nicht mit Freunden zu treffen, ist gerade häufiger auf der Tagesordnung, als mir lieb ist.

Hier gehört es jedoch dazu, den Beteiligten offen und ehrlich zu sagen, dass es aktuell einfach nicht möglich ist, immer so präsent zu sein, wie man es vielleicht von mir gewohnt ist. Wie so vieles im Leben ist das auch nur eine Phase, die sich in bereits drei Monaten schon wieder ändern wird. Daher gilt es, in den kommenden drei Monaten noch etwas häufiger „Nein“ zu sagen. Dinge, die nicht dringend erledigt werden müssen, konsequent auf die Zeit nach dem Ironman zu verschieben und sich dadurch wieder etwas mehr zeitlichen Spielraum zu verschaffen.

Crunch Time

Die kommenden drei Monate sind in Bezug auf das Endergebnis nun recht entscheidend. Bisher bin ich mit allen Trainingsfortschritten sehr zufrieden, jetzt gilt es, die gute Vorarbeit zu veredeln. Und wie es im Ausdauersport eben so ist: Je mehr Stunden ich noch beim Schwimmen, Radfahren und Laufen verbringe und dabei gesund bleibe, desto schneller wird meine Endzeit am 29. Juni sein. Klingt einfach, wird schwer.

Wie eingangs erwähnt, hilft es, wenn man den selbst verursachten „Struggle“ annimmt und den Leuten um einen herum transparent die Gründe des eigenen Rarmachens erklärt.

Bis zum nächsten Mal in dann hoffentlich alter Leichtigkeit!
Liebe Grüße,
Fabian

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P.S.:
Wer neu dazugekommen ist oder nochmal nachlesen möchte, was Luca vor einem Jahr über die Vereinbarkeit von Langdistanztraining mit Privatleben und Beruf geschrieben hat, möge nun zum Abschluss folgenden Button klicken. 🙂

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