Kennt ihr das auch? Es ist Neujahr und man hat sich mal wieder vorgenommen, endlich sportlich aktiv zu werden. Man ist sehr motiviert und hat bei dem Gedanken, wieder regelmäßig laufen oder mit Freund:innen ins Fitnessstudio zu gehen, auch richtig Lust drauf. Doch dann geht nach den Feiertagen die Arbeitswoche wieder los und trotz großer Motivation schafft man es einfach nicht, sich abends nach einem langen Arbeitstag von der Couch aufzuraffen und sportlich zu betätigen. Wer sich bei dem Beispiel nicht angesprochen fühlt, fühlt aber vielleicht das folgende: Du hast dich endlich zu deiner ersten Langdistanz im Triathlon (3,8km Schwimmen, 180km Radfahren, 42,2km Laufen) angemeldet und bist auch super motiviert, täglich zu trainieren, damit du diese große Herausforderung auch richtig gut meisterst. Aber aus irgendeinem Grund fällt es dir total schwer, eine zweite Trainingseinheit am Tag morgens vor dem Arbeiten auch tatsächlich zu absolvieren, obwohl du ja wirklich gewillt bist.
Wer sich nun ein wenig angesprochen fühlt und sich auch schonmal gefragt hat, warum die vorhandene Motivation nicht ausreicht, um eine Handlung auch tatsächlich in die Tat umzusetzen, der/die darf nun gerne weiterlesen. Denn genau darum geht es bei dem Thema „Volition“.
Volition – was ist das?
Ich bin mir fast sicher, dass die meisten Leser:innen den Begriff „Volition“ entweder noch nie gehört haben oder ihn zwar schonmal irgendwo aufgeschnappt haben, sich darunter aber nicht so viel vorstellen können. Die Volition ist neben der Motivation eine wesentliche Komponente für sportliche Handlungen. Unter Volition versteht man Selbstregulations- und Selbstkontrollprozesse, die der Planung und tatsächlichen Realisierung von Handlungsabsichten dienen. Die Volition kann quasi als übergeordnetes Konzept betrachtet werden, das alle Prozesse der Selbstregulation (z. B. motivationale, affektive und kognitive) umfasst. Volitionale Prozesse sind somit immer dann erforderlich, wenn ein beabsichtigtes Verhalten auf interne oder externe Hindernisse trifft und man sich selbst regulieren muss. Volitionale Prozesse unterstützen demnach handlungsrelevante Prozesse wie Aufmerksamkeit, Motivation und Emotionsregulation, wenn diese Prozesse allein nicht ausreichen, gewünschte Ziele zufriedenstellend zu erreichen. So kann es vorkommen, dass trotz hoher Motivation Menschen ihre beabsichtigten Handlungen nicht durchführen (siehe Beispiele oben im Text) und in eine Art „Handlungsloch“ fallen. In dem Fall sind verschiedene Handlungskontrollstrategien erforderlich, um einen Handlungserfolg herbeizuführen.

Das Rubikon-Modell der Handlungsphasen
Um besser zu verstehen, in welcher Phase eines Handlungsverlaufs volitionale Prozesse zum Tragen kommen, soll an dieser Stelle kurz ein etabliertes theoretisches Modell beschrieben werden. Das Rubikon-Modell (Heckhausen, 1989) teilt eine Handlung in vier Phasen ein – eine prädezisionale, präaktionale, aktionale und postaktionale Phase – in welchen von handelnden Personen unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen sind. In der prädezisionalen Phase muss zwischen konkurrierenden Zielalternativen (z.B. auf der Couch liegen bleiben vs. laufen gehen) abgewogen werden. Entscheidet man sich für eine Handlungsabsicht, geht eine Handlung in der präaktionalen Phase weiter. Hier besteht die zentrale Aufgabe darin, Modalitäten (wer, was wann, wo, wie) für die Planung der Handlungsinitiierung und -ausführung festzulegen (z.B. Teilnahme an einem Lauftreff). In der folgenden aktionalen Phase wird die beabsichtigte Handlung tatsächlich realisiert (Laufen gehen). Danach erfolgt in der postaktionalen Phase eine Bewertung des Ergebnisses und des Verlaufs der Handlung (z.B. gutes Gefühl, sich bewegt zu haben).
Vorsatzbildung
Eine Möglichkeit, um aus dem oben beschriebenen Handlungsloch zu kommen, sind die sogenannten Realisierungsintentionen, oder auch Vorsatzbildung genannt. Dies beschreibt die Absicht, eine bestimmte Handlung in einer konkreten Situation zu initiieren und aufrechtzuerhalten. Das Konzept der Realisierungsintentionen zielt demnach auf die präaktionale Planung modaler Aspekte der Handlungsinitiierung ab. Konkrete Planungsaktivitäten können dabei insbesondere bei Schwierigkeiten der Absichtsrealisierung die Wahrscheinlichkeit der tatsächlichen Handlungsinitiierung erhöhen. Indem konkrete Situationen mit einem zielorientierten Verhalten verknüpft werden, kann die Integrierung dieses Verhaltens in den Alltag erleichtert werden. Ein Beispiel könnte sein, das Kind in Laufklamotten zum Kindergarten zu bringen und zurück zu joggen anstatt zu spazieren. Konkret bildet man hier einen sogenannten Wenn-Dann-Plan, der folgende Struktur aufweist: „Wenn die Situation X eintritt, dann führe ich das Verhalten Y aus!“. Für das obige Beispiel könnte ein solcher Wenn-Dann-Plan wie folgt lauten: „Wenn ich mein Kind in den Kindergarten bringe, dann ziehe ich mir Laufklamotten an und jogge zurück anstatt zurück zu spazieren.“ Und schon hat man besagte Situation mit einem wünschenswerten Verhalten verknüpft und eine sportliche Betätigung in den Alltag integriert. Ganz nebenbei spart man sich sogar noch Zeit, wenn man den Heimweg laufend und nicht gehend zurücklegt.
Mit einem psychologischen Coaching lassen sich noch viel mehr Wenn-Dann-Pläne erarbeiten, die Dir helfen, Deinen Alltag zu vereinfachen und mehr Handlungsvorhaben in die Tat umzusetzen.
Wissenschaftliche Studien v.a. im Gesundheits- und Rehabilitationssport konnten zeigen, dass das Konzept der Vorsatzbildung u.a. zur Beschleunigung der Handlungsinitiierung als auch zum Anstieg der Quote der Zielverwirklichung beitragen kann.
Förderung der Volition
Nach diesem kleinen Einblick in Teile der Volitionsforschung, stellt sich nun noch die Frage, welche praktischen Implikationen daraus zu ziehen sind. Zuerst ist festzuhalten, dass es erst einer ausreichenden Motivation bedarf, damit volitionale Kompetenzen ebenfalls zum Tragen kommen können. Hierfür verweise ich gerne auf den Artikel zur „Motivation“. Ist ausreichend Motivation vorhanden, beziehen sich sportpsychologische Maßnahmen vor allem auf die Förderung von Selbstregulationsprozessen, um die volitionalen Kompetenzen zu stärken. Darunter könnten beispielsweise die Förderung der Konzentration, Achtsamkeitstraining, Stärkung des Selbstvertrauens oder auch mentales Vorstellungstraining fallen. Jedoch ist bei der Gestaltung von sportpsychologischen Maßnahmen auch stets zu berücksichtigen, dass sich Personen hinsichtlich ihrer Selbstregulationsfähigkeiten unterscheiden können, weshalb sich im Zuge eines sportpsychologischen Coachings zuerst auch Diagnostiken zur Erfassung von volitionalen Kompetenzen anbieten könnten.
Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem kurzen Text die Bedeutung der Volition (neben der Motivation) ein Stück weit näher bringen und bedanke mich bei allen, die bis hierhin gelesen haben.
In diesem Sinne, immer schön sportlich bleiben,
Euer Luca
Literatur:
Achtziger, A., & Gollwitzer, P. M. (2018). Motivation und Volition im Handlungsverlauf. In J. Heckhausen, & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln (S. 355-388). Berlin, Heidelberg: Springer.
Beckmann, J., Ehmann, M., Kossak, T. N., Perl, B., & Hähl, W. (2021). Volition in sports. Zeitschrift für Sportpsychologie, 28(3), 84-96.
Beckmann, J., & Kossak, T. N. (2018). Motivation und Volition im Sport. In J. Heckhausen, & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln (S. 615-639). Berlin, Heidelberg: Springer.
Gollwitzer, P. M. (1996). Das Rubikon-Modell der Handlungsphasen. In J. Kuhl, & H. Heckhausen (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie: Themenbereich C, Theorie und Forschung: Ser. 4, Motivation und Emotion; Bd. 4, Motivation, Volition und Handlung (S. 531–582). Göttingen: Hogrefe.
Gollwitzer, P.M. (1999). Implementation intentions. Strong effects of simple plans. Journal of Personality and Social Psychology, 73, 186–197.
Heckhausen, H. (1989). Motivation und Handeln. Berlin: Springer.
Höner, O., Sudeck, G., & Willimczik, K. (2004). Instrumentelle Bewegungsaktivitäten von Herzinfarktpatienten: Ein integratives Modell zur Motivation und Volition. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 12(1), 1-10.
Höner, O., & Willimczik, K. (1998). Mit dem Rubikon-Modell über das Handlungsloch – Zum Erklärungswert motivationaler und volitionaler Modellvorstellungen für sportliche Handlungen. psychologie und sport, 5, 56–69.
Sheeran, P. (2002). Intention-Behavior Relations: A Conceptual and Empirical Review. European Review of Social Psychology, 12, 1–36.